Andersartige Texte lesen

Ein Einblick in die europäische Kulturgeschichte

Kultur in der EU
(Bild: Pixabay / Tama66) - Wie hat sich Europa weiterentwickelt?

Heute hockte ich nur vor dem Fernseher. „Beyaz Melek“, ein türkischer Film – den schaute ich mir an. Zuvor habe ich jedoch eine Verfilmung von der Queen mit Helen Mirren gesehen. Es wurde dargestellt, dass die Queen Tagebücher führt. Wenn das wirklich so ist, dass die Frau Tagebücher schreibt, dann würde ich echt mal gern wissen, was da drinsteht, denn ihr Stammbaum ist nachweislich mindestens tausend Jahre alt, was bedeutet, dass sie eine andere Verarbeitung von Gedanken hat, da ein Normalsterblicher nicht so eine Familie hat und nicht weiß, was es heißt, die Krone von zig Generationen zu tragen. Somit hat sie auch ein Wissen, das ein Normalsterblicher auch nicht erlangen kann.

Naja, Schön für die Queen.

In meinem Social-Network-Newsfeed sah ich vor einigen Tagen, wie jemand etwas postete:

Ich plane gerade ein Projekt zur europäischen Kulturgeschichte. Dazu bin ich auf der Suche nach ein paar Leuten, die sich mit europäischer Geschichte, Literatur, klassischer Musik oder Kunstgeschichte auskennen und die gerne darüber schreiben würden. Falls ihr jemanden kennt, der sich damit beschäftigt und Interesse daran hat (oder falls ihr selbst Interesse daran habt) dann schreibt mir doch eine kurze Nachricht. Danke schon im voraus!

Ich habe gerade noch eine Pizza im Ofen geschoben. Ich liebe Pizza.

. Als ich das dann gelesen habe, dachte ich mir, mich dem Projekt beizuwohnen, da ich mich in der Thematik gerne reinlese oder mir gerne ein Bild von mache. Dabei soll ich „in der (europäischen) Geschichte und Kunst am Ende des 18., Anfang des 19. Jhdt. ansetzen“ und somit gleichwohl mit der Aufklärung beginnen. Das hört sich nach einer interessanten intrinsischen Herausforderung an. Hinzufügen muss ich, dass das Motiv – einfach gern alleine zu schreiben – für mich selbst ausreicht. Was mich gleich sofort wieder zu der eben beschriebenen Thematik bringt, denn gerade in der Zeit der Aufklärung wurde viel geschrieben, das den Geist des Menschen zu unserer heutigen Handlungsweise trieb.

Präkapitalistische und präsozialdarwinistische Gedanken wurden vermittelt und sind in unseren heutigen Ideologien verankert. Es waren menschenwilde Zeiten. Noch vor Ende des 18. Jahrhunderts begann die industrielle Revolution. Nöte jeglicher Art waren vorhanden und das Proletariat entstand. Die Menschen arbeiteten bis sie buchstäblich starben. Sozialsysteme, die wir heute im 21. Jahrhundert kennen, waren derzeit nicht vorhanden. Kummer und Sorge wird wohl bei den meisten Menschen vorhanden gewesen, sobald sie nach ihrem Schlaf das Augenlicht erblickten. Einige von Ihnen, die sogenannten Aufklärer, sahen sich die Situation an. Damals bemerkten sie eine Doktrin, die die Menschen trieb und von der Kirche und dem nicht säkularen Staat ausging. Sie versuchten mit philosophischer Feinfühligkeit, bis in die tiefsten Abgründe der einfachen und arbeitswillfährigen Menschen hinzusehen. Sie wollten sie damals mit ihren geistigen Waffen wachrütteln. Eines der signifikantesten Wachrüttler dieser Zeit war Immanuel Kant, der die bekannteste Definition der Aufklärung in seinem Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? “ offenbarte.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Das, was uns heute versuchen Motiavtionscoaches in einer anderen sprachlichen Codierung zu vermitteln, ist das, was schon die Aufklärer damals sagten. Heute gibt es Fußball- oder andere Sportclubs und Vereine jeder Art. Zu der Zeit der Aufklärer gab es Freimaurerlogen und Geheimgesellschaften. In andern Worten es gab damals Menschen, die sich der Sprache bemächtigten und Grundpfeiler für eine Weltordnung setzten. Begriffe wie Vernunft, Toleranz oder auch Menschenrechte fallen in den Begriff der Aufklärung mit ein.

Bei einem Blick auf dem Begriff „Aufklärung“ müsste man eigentlich merken, dass er zu kurz gekommen ist, denn der Begriff der „Aufklärung“ müsste von Wörtern begleitet werden, die kenntlich machen, was genau eine Aufklärung braucht.

Als Kant sein Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ schrieb, war es eine Rebellion gegen die Kirche und ihrer Doktrin. Diese Rebellion wurde wohl auch mit sehr starken Argumenten gerechtfertig. Was aber dadurch passierte, war, dass der Begriff der „Aufklärung“ nun allein dasteht und somit der Maßstab für „Aufklärung“ an sich die Begriffsdefinition geworden ist.

Heutzutage sagen wir im Westen - also diejenigen, die schon neoliberalisiert worden sind – beispielsweise über die Menschen aus dem Orient oder auch islamischen Ländern: „Diese Menschen kennen keine Aufklärung.“ – Wie sollen sie denn auch die Aufklärung kennen, wenn ihre Doktrin doch anders ist, als die, die in der Zeit der Aufklärung vorhanden war? In Gottfried Ephraim Lessings „Nathan der Weise“, wurde versucht eine Überleitung an den Islam zu machen, welche unter anderem die oben beschriebene Haltung gegenüber dem Orient verursachte. Natürlich kann sich der westliche Mensch mit der Aufklärung aufbrüsten, da es zu dieser Zeit zu einen andersartigen Fortschritt in der Zivilisation kam. Musikalischer Fortschritt. Artifizieller Fortschritt. Technischer Fortschritt. Auf der ganzen Welt verbreitete sich die Aufklärung. Dabei gab es ein Problem. Sie ist immateriell. Die Industrialisierung, die die Aufklärung nach sich zog, hingegen nicht. Das brachte viel Unheil auf der Welt. Zeitzeuge war Dostojewski, der gegen Anfang des 19. Jahrhunderts geboren war. Er schrieb über die bürgerliche Freiheit:

Was heißt liberté? Freiheit. Was für eine Freiheit? Die gleiche Freiheit für alle, in den Grenzen der Gesetze alles Beliebige zu tun. Wie kann man alles Beliebige tun? Wenn man eine Million besitzt. Wann besitzt man eine Million? Gibt die Freiheit jedem eine Million? Nein. Was ist ein Mensch ohne eine Million? Ein Mensch ohne eine Million ist nicht der, der alles Beliebige tut, sondern mit dem alles Beliebige getan wird.

Zwar hat Adam Smith als Aufklärer in seinem Essay „Theorie der ethischen Gefühle“ das Mitgefühl für das Umfeld nahegelegt – doch, wenn neue Werte auf alte stoßen, so entstehen verschiedene Ansichten von Freiheit, wie Dostojewski es zeigte. Dostojewski gehört nicht unbedingt zu den Aufklärern. Allerdings hat er sich von den Aufklärern inspirieren lassen. Eine Folge der Aufklärung war auch eine Art von Hedonismus, welcher entstand und ein Verständnis dafür, sich um jeden Preis entfalten und verwirklichen zu müssen. Dies wird mit einer Passage aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“ dargestellt:

Wert lege ich nur auf meinen Hauptgedanken, und dessen Inhalt ist eben der, daß die Menschen nach einem Naturgesetze sich tatsächlich in zwei Klassen scheiden: in eine niedrige, die der gewöhnlichen Menschen, das heißt sozusagen das Material, das lediglich zur Fortpflanzung der Menschheit dient, und in eigentliche Menschen, das heißt solche, die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrem Wirkungskreise ein neues Wort auszusprechen. Unterabteilungen gibt es hier natürlich unzählige; aber die unterscheidenden Merkmale der beiden Klassen sind doch recht scharf ausgeprägt: die erste Klasse, also das Material, um einen zusammenfassenden Ausdruck zu gebrauchen, bilden diejenigen Menschen, die ihrer Natur nach konservativ und wohlgesittet sind, in ruhigem Gehorsam dahinleben und mit Vergnügen gehorsam sind. Meiner Ansicht nach haben diese auch die Pflicht, gehorsam zu sein, weil das ihre Bestimmung ist, und darin liegt für sie durchaus nichts Erniedrigendes. Die Vertreter der zweiten Klasse dagegen übertreten sämtlich das Gesetz; sie sind Zerstörer oder neigen wenigstens zur Zerstörung, je nach dem Maße ihrer Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich nach Grad und Art sehr verschieden; größtenteils verlangen sie, in sehr mannigfaltigen Erscheinungsformen, die Zerstörung des Bestehenden zum Zwecke der Erreichung von etwas Besserem. Sollte aber ein solcher Mensch im Interesse seiner Idee es als nötig erkennen, selbst über Leichen und durch Blut vorwärtszuschreiten, so kann er nach meiner Ansicht sich innerlich, in seinem Gewissen, selbst die Erlaubnis erteilen, auch durch Blut dahinzuschreiten, jedoch nur in dem Umfange, wie es zur Verwirklichung der Idee erforderlich ist – wohl zu merken. Nur in diesem Sinne rede ich in meinem Aufsatze von einem Rechte dieser Menschen, Verbrechen zu begehen (Sie erinnern sich, daß wir von einer juristischen Frage ausgingen). Übrigens ist kein Anlaß, sich über diese ganze Sache besonders aufzuregen; die große Masse erkennt dieses Recht der außerordentlichen Menschen fast niemals an, sondern köpft und hängt sie (mehr oder weniger) und erfüllt dadurch in durchaus rechtmäßiger Weise ihre konservative Bestimmung; nur ist der weitere Verlauf oft der, daß in den nachfolgenden Generationen ebendiese große Masse die Hingerichteten auf Piedestale stellt und feiert (auch hier setze ich hinzu: mehr oder weniger). Die erste Klasse ist stets die Beherrscherin der Gegenwart, die zweite die der Zukunft. Die ersten erhalten die Welt und vermehren sie numerisch; die andern bewegen die Welt und führen sie zum Ziele. Die einen und die andern haben eine völlig gleiche Existenzberechtigung.

Zum Abschluss soll ein Vermerk hinzugefügt werden: Die europäische Kulturgeschichte ist sehr schwer zu vereinheitlichen, da Europa an sich sehr vielfältig ist. Die Aufklärung jener Zeit ist schwierig auf den heterogenen europäischen Boden zu projizieren. Zudem trug die Aufklärung durch die Rationalität des Verstandes dazu bei, dass das Spirituelle aus den Menschen genommen wurde. Außerdem trägt dadurch Europa nun die Energie (bzw. Attitüde), die sich in den oben dargestellten Textausschnitt aus „Schuld und Sühne“ verbirgt, und zugleich einen neuen „Homo Politicus“, der mit dem Matrix-Syndrom rumläuft und dauerhaft wie Neo mit der blauen und roten Pille konfrontiert wird.